Irene Klöti

*25. November 1929 – Schauspielerin, Hausfrau und Mutter

 

Irene lebt in Meilen am Zürichsee. Mit der Bahn rund zwanzig Minuten von der Limmatstadt entfernt. Hoch oben finde ich das Alterszentrum Platten. Ich treffe Irene in ihrer Alterswohnung mit beneidenswertem Ausblick auf den See. Die Wohnung ist modern, grosszügig und besitzt einen kleinen Balkon. An diesem lauen Sommermorgen ist das unser Ort, um über ihr Leben zu sprechen. Später führt mich Irene hinter das Haus und zeigt mir ihren Ort der Ruhe und Stille – das Meilemer Tobel. Hier stellt sie mir die Kunst des einheimischen Bildhauers Hans Jakob Meyer vor. Beim Mittagessen im Alterszentrum lerne ich ihre „Clique“ kennen. Nach einer Erholungspause am Nachmittag zeigt sie mir Meilen. Zusammen reisen wir nach Winterthur, zum 152. Sommertheater. Eine Rückkehr zu einstigen Träumen und emotionalen Erinnerungen. 

 

Ich habe so früh geheiratet und drei Kinder bekommen, dass ich nachher noch Zeit hatte, mich zu verwirklichen. Entweder packt man die Chance vorher und geht in die Welt hinaus, oder nachher. Wir hatten keine Wahl. Die Grenzen waren geschlossen während des Krieges. Wir waren drei Geschwister, ich das mittlere. Wir hatten Glück. Dank meinem jüngeren Bruder erhielten wir mehr Lebensmittelmarken für Milch und Butter. Als Kind hatte ich eine behütete Zeit. Von meinem Vater konnte ich alles haben. Ich habe ihn gerne um den Finger gewickelt.

An der Hohen Promenade in Zürich besuchte ich die Töchterschule. Kurz vor der Aufnahmeprüfung hatte ich eine Operation und konnte nicht daran teilnehmen. Daher musste ich die Prüfung an meinem ersten Schultag schreiben und habe gleich bestanden. Drei Jahre hat die Schule gedauert. Wenn ich noch ein Jahr angehängt hätte, wäre ich Lehrerin geworden. Das wollten meine Eltern, ich aber nicht. Ich habe die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule gemacht und ebenfalls bestanden. So jung würde ich das niemandem mehr anraten. Ich habe fünf Semester im Bühnenstudio in Zürich studiert. Das Gebäude gibt es nicht mehr, seit das Kunsthaus erneuert wurde. Das erste Semester war Probezeit. Nach einem Jahr fand eine Zwischenprüfung und nach zweieinhalb Jahren die Abschlussprüfung statt. Anschliessend habe ich die schweizerisch anerkannte Prüfung gemacht, damit ich den offiziellen Titel als Schauspielerin bekam.

Ich habe dann alles Mögliche gemacht, Märchen erzählt, Kasperlitheater und Hofdame im Stadttheater gespielt. Die Suche nach Engagements war hart. Später erhielt ich eine Rolle im Sommertheater in Winterthur, das war entscheidend. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen und ich habe gelernt, was es bedeutet, Schauspielerin zu sein. Wir hatten jede Woche eine Premiere. Das heisst, dass ich während der ganzen Woche Aufführungen hatte und nebenbei ein neues Stück lernen und proben musste. Es war ein irrsinniger Krampf. Da kam ich wirklich auf die Welt, aber ich habe es genossen. Mit Dienstmädchen- und Töchterrollen fing alles an, am Schluss hatte ich eine Hauptrolle. Einmal habe ich auf der Bühne einen Rückwärtssalto gemacht, das war ein Erfolg. Ich war aber keine Schönheit, vielleicht herzig, aber ich hatte keine erotische Ausstrahlung. Nachträglich denke ich, dass ich komplett überfordert war. Aber ich habe es durchgezogen.

Während dieser Zeit habe ich Hans kennen gelernt. Er hatte neben meinem Elternhaus ein Zimmer. Mein Bruder ging zu ihm in die Schule. Meine Mutter war ganz froh, dass ein neuer, junger Lehrer die Klasse übernahm. Richtig kennen gelernt haben wir uns 1951 am Züri Fäscht. Das war eine Riesensache. Jede Gemeinde musste eine Produktion auf die Beine stellen. Mein ehemaliger Oberstufenlehrer fragte mich an, ob ich etwas mit den Mädchen einstudieren könnte. Wir haben dann auf einem Wagen ein Ballettstück inszeniert. Wir waren Seejungfrauen, unten Fisch, oben Frau. So sind wir von Meilen nach Zürich gefahren. Das Wetter war eine Katastrophe, wir tanzten im Regen. Spontan habe ich mich entschlossen, ein Fest in meinem Elternhaus in Feldmeilen zu machen. Dazu brauchten wir noch Männer. Ich habe die Initiative ergriffen und den jungen Lehrer eingeladen. Da habe ich mich dann richtig in Hans verliebt.

Ich wusste, dass das Engagement in Winterthur bald fertig war und ich wieder zum Vorsprechen musste, heute sagt man Casting. Ich war sogar in Österreich für Filmaufnahmen. Die haben aber gesagt, bevor die Zähne nicht alle schön sind, kann ich nicht zum Film. So habe ich mich entschieden. Im April 1952 haben Hans und ich geheiratet.

Es war keine einfache Entscheidung. Bald nach der Hochzeit wurde ich schwanger. Wir haben ein Haus gebaut. Mein Vater gab uns das Geld. Wir hatten gute Voraussetzung und ein unterstützendes Elternhaus. Wenn ich ein Engagement hatte, das mehrere Tage dauerte, durfte ich die Kinder zu meiner Mutter bringen. Während dieser Zeit mussten wir sehr fest sparen. Die Kleider für unsere Kinder habe ich selber genäht. Ich musste üben bis ich den Hosenschlitz herausgefunden habe.

 

 

Seit meiner Ausbildung zur Schauspielerin war ich Mitglied des Kammersprechchors Zürich, insgesamt 52 Jahre. Es war mein „Lehrblätz“. Ich kam mit Leuten vom Theater zusammen, konnte meine sprachliche Ausbildung anwenden und hatte jede Woche eine Probe. Wir hatten damit riesen Erfolg und konnten in halb Europa auftreten. Ellen Widmann, unsere Sprachlehrerin, war eine ganz tolle Schauspielerin. Sie fand die Chöre im Theater miserabel und gründete ihren eigenen Sprechchor. Unter den Freiwilligen befanden sich viele Berühmtheiten wie Elisabeth Schnell, Heidi Maria Glössner, Max Rüeger, Hanny Fries und Oliver Fueter. Wir haben geübt miteinander zu reden, ohne Noten, mit der Atemführung und Zäsuren. Irgendwann tauchte der Komponist Wladimir Vogel auf, welcher ein riesiges Werk, ein Oratorium, geschrieben hat. Es hiess „Wagadus Untergang durch die Eitelkeit“. Wladimir Vogel wollte mit uns zusammenarbeiten, da wir der einzige Sprechchor weltweit waren. Wir haben uns ein Jahr lang in dieses eineinhalbstündige Stück reingebissen. Es war eine Sensation, eine neue Welle, moderne Musik. Wir bekamen Anfragen von verschiedenen Funkhäusern in Europa. Wir waren unter anderem in Berlin, Paris, Venedig. Der Sprechchor wurde meine grosse Leidenschaft. Später gab es leider keine Komponisten mehr. Der Rap entstand, der aber nicht komponiert ist. 1999 wurden wir zum 250. Geburtstag von Goethe nach Frankfurt am Main eingeladen und haben Goethes Balladen wie z.B. der Erlkönig gesprochen. Es war meine letzte Aufführung, ein wunderschöner Abschluss. Ich war nun 70 Jahre alt und mir wurde klar, ich mag nicht mehr. Es ist ein Stress.

In den 70er-Jahren war ich mittlerweile bekannt im Dorf und wurde für verschiedene Aufgaben angefragt. So habe ich dann siebzehn Jahre für den Zivilschutz gearbeitet und mich bis zur Sanitätsinstruktorin weitergebildet. Sie brauchten eine rassige Frau, die die Männer motivieren konnte. Das ist mir gelungen, wir hatten viele lustige Jass-Abende. Auch in der Kirchenpflege habe ich drei Amtsdauern, also zwölf Jahre, gearbeitet, im Ressort Veranstaltungen. Das lag mir natürlich. Es war eine schöne Aufgabe, die mir viel gab und meinen Glauben gestärkt hat. Christoph Blocher war mein Nachbar, mit ihm habe ich jeweils die Predigt nach der Kirche auseinandergenommen. Seine Frau war auch Lehrerin und eine Kollegin von Hans.

Hans wurde 2006 krank und starb 2010. Er wurde altersschwach und dement, das war das Schlimmste. Ich konnte ihn nicht mehr zu Hause pflegen. Das letzte Jahr war er im Pflegeheim. Das war für mich sehr schlimm. Aber wir hatten es sehr schön. Als unsere Kinder grösser waren, konnten wir wieder vermehrt reisen und wandern. Wir waren sieben Mal in Amerika, da unser ältester Sohn, Balz, nach Ohio auswanderte. Der erste Besuch war nicht einfach, da wir die zukünftige Schwiegertochter Lauren gar nicht kannten. Amerika war eine andere Welt, eine andere Kultur und vor allem eine andere Sprache. Es brauchte Zeit, sich gegenseitig näher zu kommen. Mit über 50 Jahren musste ich noch Englisch lernen. Meine Enkelkinder in Amerika meinten: „Grandmum speaks a little bit crazy“. Meine Söhne Balz und Martin sind aufgewachsen wie Zwillinge, vierzehn Monate auseinander. Immer miteinander, aber total verschieden. Ich war sehr stolz auf Martin, als er Regierungsrat wurde. Auch meine Mutter hatte Martin sehr gerne, er konnte ihr den Schmus machen.

Ich bin in meine Ehe reingetrampelt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Nach dem die Buben grösser waren, hatte ich eine persönliche Krise. Ich war ein „Luftibus“, aber Hans und die Kinder gaben mir Selbstvertrauen und machten mich bodenständiger. Mit Hans konnte ich gar nicht streiten, entweder gab er nach oder er sagte nichts. Eine Streitkultur hatten wir nicht. Hans hat mich jedoch immer unterstützt. Ohne ihn wäre vieles nicht möglich gewesen. Mit Regine, unserer Tochter, kam noch ein Geschenk. Meine Zweifel verflogen. Ich hatte wieder eine Aufgabe und immer noch einen wunderbaren Mann an meiner Seite – ich hatte Glück. Auch später war ich sehr integriert bei der Familiengründung von Regine und ihrem Mann Ruedi und konnte dabei sein, wie meine Enkelkinder aufgewachsen sind. Heute telefonieren sie, helfen mir am Computer und kommen mit mir ins Theater.