N°30 – Hochsensibilität
“Hochsensibilität bedeutet, dass Reize von innen und aussen intensiver wahrgenommen und tiefer verarbeitet werden.”
Philippe Hollenstein
In der 30. Folge des Podcasts «Bildungsreise» reist Damian nach Zofingen und trifft Philippe Hollenstein. Der ehemalige Schulsozialarbeiter ist heute Berater für hochsensible Menschen, Autor und Experte für Hochsensibilität. Gemeinsam mit seiner Partnerin Bianca Braun führt er eine eigene Praxis und hostet den Podcast «Sensibel hoch 2». Philippe und Damian gehen den Fragen nach, was Hochsensibilität bedeutet, wie sie sich bei Kindern zeigt und weshalb ein besseres Verständnis im Familien- und Schulalltag so wichtig ist.
Hochsensibilität ist keine Krankheit und keine Diagnose, sondern ein angeborenes Temperaments- bzw. Persönlichkeitsmerkmal. Menschen mit hoher Sensitivität nehmen Reize aus ihrer Umwelt und aus ihrem Inneren intensiver wahr und verarbeiten sie besonders tief. Schätzungen zufolge sind rund 20 bis 30 Prozent der Menschen hochsensibel. Gleichzeitig ist Hochsensibilität ein Thema, das wissenschaftlich weiterhin diskutiert wird.
Im Gespräch wird deutlich, wie unterschiedlich sich Hochsensibilität zeigen kann. Jedes Kind erlebt und verarbeitet Reize auf seine eigene Weise. Dennoch lassen sich sechs Merkmale beschreiben, die für Hochsensibilität typisch sind: eine ausgeprägte Feinwahrnehmung, eine tiefe Verarbeitung von Eindrücken, soziale Feinfühligkeit, eine erhöhte Anfälligkeit für Überstimulation, eine ausgeprägte emotionale Reaktionsstärke sowie eine besondere Empfänglichkeit für Schönes. Gerade im Schulalltag können Lärm, grosse Gruppen, Zeitdruck oder soziale Spannungen für hochsensible Kinder schnell zur Herausforderung werden.
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge sind die Vorurteile rund um Hochsensibilität. Hochsensible Menschen gelten oft als «zu empfindlich», wenig belastbar oder besonders verletzlich. Philippe erklärt, weshalb dieses Bild zu kurz greift. Denn in der feinen Wahrnehmung liegen auch grosse Stärken – etwa Empathie, Kreativität, ein ausgeprägtes Gespür für andere Menschen oder die Fähigkeit, Zusammenhänge differenziert zu erkennen. Viele hochsensible Kinder versuchen zudem, sich möglichst anzupassen und ihre Überforderung zu verbergen. Gerade deshalb bleiben ihre Bedürfnisse im Alltag oft unbemerkt.
Auch die Frage nach einer Abklärung wird thematisiert. Hochsensibilität lässt sich nicht medizinisch diagnostizieren. Selbsttests können Hinweise geben und entlastend wirken, ersetzen aber keine fachliche Einordnung. Entscheidend ist deshalb nicht ein Etikett, sondern ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse eines Kindes. Dabei wird auch deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule ist: Beide erleben ein Kind oft unterschiedlich – erst gemeinsam entsteht ein vollständigeres Bild.
Zum Schluss richtet sich der Blick auf den Familien- und Schulalltag. Hochsensible Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Wahrnehmung ernst nehmen und ihre Reaktionen nicht vorschnell als Übertreibung abtun. Rückzugsmöglichkeiten, ausreichend Erholung, verlässliche Beziehungen und Strategien zur Selbstregulation können helfen, Überforderung vorzubeugen und die Stärken hochsensibler Kinder zu entfalten.
Eine einfühlsame Folge darüber, wie Verständnis, Beziehung und ein offener Blick Kindern helfen können, ihre Sensibilität als Stärke zu entdecken. Eine Reise für alle, die Kinder auf ihrem Lebensweg begleiten.
Philippe Hollenstein
Berater für hochsensible Menschen, Autor und Experte für Hochsensibilität